Zwölf Kaiser, einer nackt – kein mutiges Mädchen weit und breit

Brandenburg wird touristisch nicht nach Landkreisen, sondern über Reiseregionen vermarktet. Das ist in der Regel ein guter Ansatz und in 11 von 12 Fällen hat sich auch ein ordentlicher Name für die zu vermarktende Region finden lassen; nur für eine nicht, für unsere…

Ach zwei Herzen schlagen in meiner Brust, was die Reiseregion angeht, unter der auch der Teltow vermarktet wird. Sie wurde „Fläming“ genannt. Zum einen freue ich mich zwar darüber, daß Anstrengungen unternommen werden, eine so bezeichnete Region touristisch zu vermarkten. Zum anderen hadere ich schon seit Jahren mit der Bezeichnung meiner Reiseregion und den vermutlich daraus folgenden Fehlern in der inhaltlichen Darstellung. Ehrlich gesagt hadere ich nicht damit, ich ärgere mich darüber.

Der Teil der „Reiseregion Fläming“ der in Brandenburg liegt (die Region erstreckt sich ja bis nach Sachsen-Anhalt) umfaßt eigentlich 3 Regionen, die es allesamt verdient hätten dem Namen nach und inhaltlich gleich gewichtet Berücksichtigung zu finden.

Zum einen, ja sicherlich, der Fläming. Dieser kam 1815 zu Brandenburg, ist also streng genommen nicht mal märkisch, und war bis zu dieser Zeit sächsisch oder magdeburgisch oder abwechselnd mal so, dann wieder so. Ein sehr schöner, historisch und kulturell reicher Landstrich, den es zu bereisen definitiv lohnt.

Gebiet der Reiseregion „Fläming“

Für die Entstehungsgeschichte Brandenburgs deutlich bedeutender sind zum anderen aber zwei Kulturlandschaften, die in der als „Fläming“ bezeichneten Reiseregion liegen, im Marketing der Region in der Regel aber mit keinem Sterbenswörtchen erwähnt werden; und man möchte daher ableiten und unterstellen, den Verantwortlichen auch nicht bekannt oder zumindest einer Erwähnung nicht wert zu sein scheinen: die Zauche und der Teltow.

Die Zauche ist im Grunde der nördliche Teil des Kreises Potsdam-Mittelmark südlich der Havel und ihrer Seen und gehört neben der Altmark (grob die beiden nördlichen Kreise Sachsen-Anhalts) und dem Havelland (nördlich der Havel(seen)) quasi zum Kreißsaal der Brandenburgwerdung. Ein Teil der Zauche (z.B. Werder (Havel) oder Caputh) wird jedoch unter „Havelland“ vermarktet. Da dieser Teil zwar nicht im historischen Havelland aber geografisch definitiv im Land der Havel liegt, ist das vielleicht noch zu verschmerzen. Östlich der Zauche, zwischen Nuthe und Dahme liegt der Teltow, unsere historisch nicht minder bedeutende Kulturlandschaft, vielleicht der Wickeltisch Brandenburgs. Zu allem Überfluß ist diese Kulturlandschaft in der Vermarktung auch noch geteilt. Der östliche Teil des Teltow wird unter dem Label „Dahme-Seenland“ vermarktet (geografisch mag das passen), der westliche als „Fläming“ (definitiv falsch). Und so wird das Ganze auch einen Anteil daran haben, daß z.B. beim Teltower Rübchen und dem Teltowkanal quer durch moderne Publikationen der falsche Eindruck gepflegt wird, daß beide ihren Namen der Stadt Teltow zu verdanken hätten. Aber trotz vielfacher Wiederholung bleibt das nun mal falsch.

Der Kanal hat seinen Namen daher, daß er seinerzeit den gesamten (Kreis) Teltow durchschnitt. Und auch das Teltower Rübchen hat seinen Namen nicht von der Stadt sondern von der Landschaft. Heute mag es dankenswerterweise noch zwei aufrechte Rübchenbauern im Dunstkreis der Stadt Teltow geben. Das Teltower Rübchen an sich ist aber für den ganzen Teltow belegt. So gibt es Aufzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert, die für den ganzen Teltow den Anbau des Rübchens bezeugen, z.B. auch für Mittenwalde, wie erwähnt, eine Stadt der Kulturlandschaft Teltow die aber unter „Dahme-Seenland“ vermarktet wird. Und man wird nicht ausschließen können, daß der eine oder andere jüngere Landwirt durch die derzeitige Praxis auch um die zündende Idee gebracht wird, das Teltower Rübchen auch selbst anzubauen, weil er das fälschlicherweise für ein Privileg der Landwirte der Stadt Teltow hält.

Also, anders als z.B. die Webseite der Reiseregion behauptet, beginnt der Fläming eben nicht an der Südgrenze Berlins. Dort liegt zunächst einmal der Teltow, westlich von ihm die Zauche und südlich von beiden Regionen beginnt erst der Fläming. Es spricht letzten Endes überhaupt nichts dagegen, drei bedeutende Kulturlandschaften gemeinsam zu vermarkten aber sie sollten dann auch in der Kommunikation in Erscheinung treten. Das würde den Regionen gerecht und auch einem Bildungsanspruch.

Bitter wird das Ganze, wenn man feststellt, daß von allen 12 Reiseregionen Brandenburgs es tatsächlich nur unsere ist, für die kein passender Name gefunden wurde. Alle anderen folgen entweder einer zutreffend geografischen oder einer historischen/kulturlandschaftlichen Nomenklatur, die ebenfalls tatsächlich zutrifft:

Die Reiseregionen:

1. Barnimer Land – dies ist geologisch, historisch und kulturlandschaftlich die „Schwesterregion“ des Teltow und wird einheitlich vermarktet. Historische Realität, Identifikationsmöglichkeit und Vermarktungsgegenstand befinden sich in weitgehender Deckung. Zwar war der historische Barnim etwas größer, aber alles, was heute unter „Barnim“ vermarktet wird ist auch Barnim. Bei uns ist das, wie hier behauptet und bezeugt, nicht so.

2. Dahme-Seenland – auch hier gibt es „unser“ Problem nicht. Das Gebiet liegt weitestgehend im Norden eines einzigen Landkreises und die Dachmarke ist frei von Bezügen zu einer tatsächlichen, historischen Region. Der Name bezieht sich auf Gewässer. Wobei ein Großteil dieser Reiseregion im Westen aus dem Osten des historischen Kreises/der historischen Kulturlandschaft Teltow besteht.

3. Elbe-Elster-Land – auch hier im Grunde nur ein Landkreis (wobei hier durchaus amüsant ist, daß z.B. die Förderanlage F-60 gern vom Elbe-Elster-Land und vom Lausitzer Seenland beansprucht wird)

4. Havelland – streng genommen gehören zwar nur die nördlich der Havel(seen) gelegenen Teile Potsdam-Mittelmarks zum historischen Havelland, die südlichen zur Zauche. Aber hier scheint es nicht ganz so problematisch wie bei unserer Reiseregion, da Bezugspunkt der Dachmarke eben nicht (nur) eine gleichnamige historische Region (Havelland als Kulturlandschaft) sondern eine klar erkennbare Gewässerlandschaft zu sein scheint. Funfact: Brandenburgs Altstadt, als Ort nördlich der Havel somit im historischen Havelland, war Hauptort desselben; gleichzeitig war Brandenburgs südlich der Havel gelegene Neustadt eine Zeit lang der Hauptort der Zauche.

5. Lausitzer Seenland – hier spricht man eingrenzend selbst davon, daß man sich lediglich im „Herzen der Lausitz“ befindet. Damit ist die Sache auch unproblematisch. Historisch wären auch einige Abschnitte des Flämings ein Teil der Lausitz, aber eben nicht in ihrem Herzen. Daß man nicht gesondert zwischen Ober- und Niederlausitz unterscheidet, wird man auch als Geschichtsfreund verschmerzen können, da mit dem Verweis auf die Seenlandschaft im Markennamen klargestellt wird, worauf man sich bezieht und somit auch hier keine Dissonanz zwischen Region und Marke entsteht.

6. Potsdam – als Landeshauptstadt selbsterklärend und vollkommen unproblematisch (auch wenn das heutige Stadtgebiet sich über 3 historische Regionen erstreckt; Havelland, Zauche, Teltow – da sind sie wieder die 3 der 4 „Gründungsmitglieder“ Brandenburgs)

7. Prignitz – auch hier gibt es keine kognitiven Probleme, sie umfaßt im Grunde fast komplett die auch als „Vormark“ bekannte historische Prignitz, eben auch deshalb, weil sie dafür Kreisgrenzen überschreitet. Der Prignitzer lebt heute nunmal sowohl in PR als auch in OPR und kann sich auch dank seiner Reiseregion als solcher fühlen

8. Ruppiner Seenland – auch hier deckt sich das Markengebiet annähernd mir der historischen landschaft „Ruppiner Land“ mit der „Herrschaft Ruppin“ und dem spätern Altkreis Ruppin (bis 1952). Heute also Teile von OPR und OHV.

9. Seenland-Oder-Spree – hier besteht der Kniff ebenfalls darin, daß man sich nicht auf eine historische Landschaft bezieht, sondern auf eine Eingrenzung zwischen zwei Flüssen und dem, was dazwischen als prägend herausgestellt werden kann; die Seen.

10. Spreewald – hier bedarf es sicher keiner Anmerkung, selbsterklärend und klar umreißbar

11. Uckermark – und auch die Uckermark hat es als deckungsgleiche, historische Region ohne weiteren Erklärungsbedarf recht einfach.

12. Da bleibt also noch unsere Region…

Die 11 zuvor genannten Regionen berücksichtigen entweder historienfreie, geografische Bezüge im Markennamen (insgesamt 7: Spreewald, Seenland-Oder-Spree, Potsdam, Lausitzer Seenland, Havelland (vielleicht ein Hybrid), Elbe-Elster-Land, Dahme-Seenland) oder sind mit historischen Regionen grob in Deckung zu bringen (insgesamt 4: Uckermark, Ruppiner Seenland, Prignitz, Barnimer Land). Nur unsere Reiseregion schlägt aus der Art; und das nicht mal charmant, sondern einfach nur falsch.

Aber wie unsere Region nennen? Der Ist-Stand, 3 historische Landschaften nur mit dem Namen einer dieser Landschaften zu bedenken, ist Gegenstand dieser Kritik. Wir wären vielleicht „Brandenburg-Mitte-West“ (BMW 😉 ), das wäre irgendwie zwar nicht falsch, schert aber irgendwie auch wieder aus dem Schema der anderen Reiseregionen (Historie oder Geografie) aus. Da also ein schlagworttauglicher geografischer Bezug nicht möglich scheint, wäre eine Bezeichnung à la ZTF (Zauche-Teltow-Fläming) oder, um Verwechslungen mit dem Landkreis TF oder einem Fernsehsender vorzubeugen, vielleicht „Fläming-Zauche-Teltow“ zumindest eine Wahl, die in das Schema der Namensfindung der anderen Regionen paßt, nur daß hier eben nicht eine, sondern 3 historische Namenspatrone auf den Plan treten. Der aktuelle Name paßt jedenfalls nicht zum Programm, dominiert aber – so wie bei den anderen Regionen auch (nur das es dort unproblematisch ist) die Kommunikation. Unser Kind hat bisher den falschen Namen, bzw. bräuchte eigentlich drei und keine Scheu, diese auch zu verwenden.

Im jüngst erschienenen, thematisch und optisch wirklich gelungenen Reiseplaner für die Reiseregion tauchen weder Zauche noch Teltow als Kulturlandschaft auf.

Das Wort „Zauche“ erscheint im Ganzen Heft 3 Mal; und zwar im Rahmen eines Eintrages zu einem Gasthaus mit dem Namen „Landhaus Märkische Zauche“, welches zu allem Überfluß nicht mal in der Märkischen Zauche liegt, sondern im ehemals sächsischen Amt Belzig, also mitten im Fläming. Das Wort „Teltow“ findet man 22 Mal aber immer nur als Bezeichnung für die Stadt – mit dieser Konnotation auch bei Rübe und Kanal –  oder als Teil der Kreisbezeichnung „Teltow-Fläming“. Es ist sonst immer nur vom Fläming die Rede….. und das ist, wie dargestellt, wirklich falsch.

Die derzeitige Praxis nimmt uns auch die Möglichkeit, historische „Steilvorlagen“ zur Vermarktung zu nutzen, verhindert eine gewisse Schlüssigkeit und läßt die „Reiseregion“ immer besonders erklärungsbedürftig bleiben, da Sie sich dem Interessierten weniger von allein erschließt als andere Reiseregionen.

Entstehung und Zuschnitt der Brandenburger Reiseregionen geschah am Verhandlungstisch – gut, man mußte sich ja auch abstimmen. Daß die Betrachtung der Landkreise hierbei vernachlässigt wurde, ist nicht weiter tragisch, da diese nach der Wende frei von historischen Bezügen, dem Sektoralkreisgedanken folgend, gegründet worden sind. Die alten Kreise Brandenburgs (also bis 1952) folgten dagegen recht deutlich auch grob den historischen Kulturlandschaften, wie sie zumindest im märkischen Teil Brandenburgs schon im Landbuch Kaiser Karls IV. von 1375 in Erscheinung traten und die Vermarktung der Region gerade für Geschichtsfreunde interessant und leichter kommunizierbar machen würde.

Schauen wir uns in Brandenburg oder bundesweit die Destinationen an, die auf die „Zielgruppe(n)“ mit einem klaren Bild wirken, so drängt sich der Verdacht auf, daß das jene Ziele sind, die auch bei den Einheimischen für eine starke Identifikation sorgen. Das Eine ist die Imagebildung nach außen, das Andere – ebenso wichtig – die Bewußtseinsbildung nach innen. Bei einer Reiseregion, die weder geografischen noch historischen Grundsätzen zu folgen scheint, also gekünstelten Zuschnitts ist und die diesem Makel nicht selbst durch eine angebrachte Unterteilung begegnet, ist das halt deutlich komplizierter. „Willkommen im Spessart“, „Willkommen in der Eifel“, „Willkommen im Spreewald“, „Willkommen in der Uckermark“ ist nun mal weniger Erklärungsbedürftig als „Willkommen im Fläming, (na gut, wir sind nicht wirklich der Fläming, so wie das, was Sie als mit der Entstehungsgeschichte Brandenburgs etwas vertrauter Mensch vielleicht verstehen mögen, aber wir werden trotzdem darunter vermarktet… )“

Da hat es der Spreewälder oder der Uckermärker auch deutlich leichter als jemand aus unserer Reiseregion. Man sollte sich mit seiner (Reise-)Region identifizieren (können), um eine Atmosphäre zu schaffen in der sowohl die Arbeit der Anbieter als auch der Vermarkter besser fruchten kann.

Die Perspektive des Gastes wird auch durch den Vermarkter geprägt. Wichtig ist aber ebenso, daß diese sich auch in der Selbstwahrnehmung des Gastgebers spiegelt. Der Zuschnitt, der zu vermarktenden Reiseregion ist auch grundsätzlich kein Problem. Lediglich ihr Name und daß unter diesem eben auch Sachen vermarktet werden, die nichts mit dem Fläming zu tun haben und daher ein falsches Bild entsteht, ist ein leicht vermeidbarer Mangel. Kurz: Tourismus funktioniert da besonders gut, wo Identifikations- und Vermarktungsgebiet annähernd in Deckung liegen. Teltow, Zauche und Fläming gemeinsam zu vermarkten halte ich für möglich, es geht nur darum, daß zwei von drei Regionen in der Kommunikation leider keinen Widerhall finden, da dies durch den gewählten Namen der Dachmarke weiteren Erklärungsbedarf auf den Plan rufen würde. Eine vertane Chance auch für die historische Vermarktung der Regionen.

Wo wäre das Problem, wenn man gerade von einer Destination in der Zauche, dem Teltow oder eben dem Fläming spricht? Und auch sonst, wäre die Angelegenheit nicht mal für Schlagworte zu sperrig. „Raus in Fläming, Teltow und Zauche!“ funktioniert genau so gut  wie „Raus in den Fläming!“ Nur daß ersteres zum einen korrekt wäre und zum anderen noch zwei weitere Schlagworte für das Wecken eines Interesses beinhaltet. Unkomplizert und keiner weiteren Erklärung bedürftig wäre das aber nur, wenn die gesamte Vermarktungsregion einen passenderen Namen hätte. Derzeit hat man nur Möglichkeit, sich zwischen zwei Fehlern zu entscheiden. Entweder „Zauche“ und „Teltow“ auch unter „Fläming“ zu vermarkten oder es wie vorgeschlagen zu tun und dadurch permanent den Dachmarkennamen erklären zu müssen. Und wenn man sich für die Dreierkombination partout nicht erwärmen möchte, weil sie einem doch zu sperrig erscheint, so kann man sich als Kompromiß vielleicht mit einem „Fläming+“ anfreunden, bei dem das Plus dann eben für Zauche und Teltow steht und beide Regionen endlich auch in der Kommunikation, in Texten und Berichten, namentlich würdige Berücksichtigung finden.

Mit „Reiseregion Fläming“ muß man eine Marke transportieren, für die es im Bewußtsein der Bevölkerung keine stringent greifbare Entsprechung gibt. Während Uckermark und Spreewald beispielsweise nur eine klare Markenbotschaft eines auch für die Einheimischen klar greifbaren Gebietes unter einer Dachmarke transportieren müssen, haben wir eigentlich die undankbare Aufgabe, nicht nur dem Touristen, sondern auch den Einheimischen klar zumachen, worüber man eigentlich redet. Er – der Einheimische – kennt das ja nicht, ist ja nur ein Konzept ohne Entsprechung in der Realität – zumindest dann, wenn man sich im Teltow oder in der Zauche befindet. Eine korrekte Information zur Kulturlandschaft in der man sich als Gast gerade aufhält darf aber schon erwartet werden.

Wie auch immer, schauen Sie mal vorbei, in Fläming, Teltow und Zauche! https://www.reiseregion-flaeming.de

Der eigentliche Fläming
Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flaeming.png (Wikipedia)